Die Dollarflut der USA muss zu einer inflationären Welle führen
Von Jürgen Elsässer
Schafft zwei, drei viele Billionen Dollar: Die US-Notenbank pumpt weiter Geld in die Wirtschaft.
Am Freitag machte eine neue Schadensbilanz der aktuellen Finanzkrise die Runde. Demnach haben die Gegenmaßnahmen der hoch entwickelten Staaten zur Vermeidung einer Depression bis dato mehr als zehn Billionen US-Dollar in Anspruch genommen. Dies geht aus einer Studie des »Institute of International Finance« (IIF), des Zusammenschlusses der führenden internationalen Großbanken, hervor. Die Summe erfasst alle Maßnahmen wie die Injektion von Liquidität, den Kauf notleidender Bankaktiva oder das Aufspannen von Garantieschirmen über die Interbankenmärkte.
Damit man eine Vorstellung von der Summe bekommt: Stapelt man 1000-Dollar-Scheine säuberlich aufeinander, wird bei einer Höhe von einem Meter der Betrag von einer Million erreicht. Für eine Milliarde Dollar müssten der Stapel einen Kilometer hoch sein, für eine Billion tausend Kilometer. Der Zehn-Billionen-Dollar-Turm würde also von der Erdoberfläche 10 000 Kilometer ins Weltall hinausragen – eine im Wortsinn astronomische Summe also.
Geldschwemme
Die gewöhnlich nicht zur Panik neigende »Frankfurter Allgemeine Zeitung« schrieb am 18. Dezember: »Es muss schrecklich stehen um die wirtschaftlichen Aussichten der Vereinigten Staaten. Anders lassen sich die Entscheidungen der US-Zentralbank Fed von Dienstag nicht interpretieren. Die von Ben Bernanke geleitete Führung der Notenbank, die nicht im Ruf eines Klubs von Abenteurern steht, beschreitet ein für die Geldpolitik fremdes und undurchsichtiges Terrain. An die Stelle traditioneller Geldmarktsteuerung durch Zinspolitik tritt eine ungehemmte Finanzierung der Wirtschaft durch die Notenpresse. Jede traditionelle Theorie betrachtet dies als eine Todsünde.«
Die Panik-Attacke des Frankfurter Zentralorgans hat einen dreifachen Grund: Zum einen, dass die Fed zwei Tage zuvor den Leitzins praktisch auf null Prozent gesenkt hatte. Noch im August hatte er bei 5,25 Prozent gelegen – eine Absenkung in historisch einmaligem Tempo.
Zum zweiten hat auch die Regierung in den letzten drei Monaten ihre Verschuldung massiv erhöht: Zuerst durch das Bankenrettungspaket Ende September in Höhe von 700 Milliarden Dollar, dem in der Folge dann mehrere Nachschläge gefolgt sind. Zur Geldbeschaffung legte die Regierung dafür Staatsanleihen auf, die – falls sie keine ausländischen Investoren finden – ebenfalls von der Fed aufgekauft werden müssen.
Zum dritten hat die Zentralbank seit einigen Wochen damit begonnen, parallel zur Regierung und direkt – also ohne den Umweg über die Privatbanken – Geld in die Wirtschaft zu pumpen, also selbst wie eine Geschäftsbank aufzutreten. Das diesen Vorgang verniedlichende englische Fachwort lautet »quantitative easing«, auf deutsch etwa »quantitative Erleichterung«.
Im Einzelnen bedeutet dies, dass die Fed Unternehmen Anleihen abkauft und dadurch ihre Liquidität stärkt – was eigentlich Aufgabe der Privatbanken wäre.
Auf diese dreifache Weise hat sich die Bilanzsumme der Fed seit Mitte September beinahe verdreifacht: von 874 Milliarden Dollar auf 2219 Milliarden Dollar. Das sind zusammen schon über 20 Prozent der gesamten US-Wirtschaftsleistung (BIP) pro Jahr. Das sei unproblematisch, behaupten die Fed-Analysten, da die Bank of Japan ihre Bilanzsumme zur Abwendung einer dauerhaften Deflation in den 90er Jahren bereits auf über 30 Prozent des BIP erhöht habe. Dabei werden aber zwei Unterschiede vernachlässigt: Zum einen, dass sich Nippons Banken, anders als die US-Institute aktuell, an der Kreditierung der Realwirtschaft kräftig beteiligt haben. Vor allem aber: In Japan war die Schuldenmacherei durch die Ersparnisse der Bürger gedeckt. Die umsichtigen Insulaner legen im Schnitt über 15 Prozent ihrer Einkünfte auf die hohe Kante. In den USA dagegen sind die Privathaushalte ebenso abgebrannt wie die öffentliche Hand, die Sparquote liegt bei null oder darunter.
Friedmans Erbe
»Helikopter Ben« – dieser Spitzname des Fed-Chefs reflektiert seinen theoretischen Ansatz. Sein theoretischer Ziehvater Milton Friedman hatte Ende der 60er Jahre als probates Mittel gegen eine Krise postuliert: »Nehmen wir an, ein Helikopter flöge über diese Gemeinde und würfe zusätzliche 1000 Dollar in Geldscheinen vom Himmel.« Anknüpfend daran schrieb Bernanke im Jahr 2002: »Die US-Regierung verfügt über eine Technik, genannt Notenpresse (oder heute deren elektronisches Äquivalent), das es ihr erlaubt, so viele US-Dollar herzustellen wie sie wünscht, und zwar praktisch kostenlos.«
Das Zitat Friedmans verblüfft, denn der Nobelpreisträger gilt eigentlich als der Papst des Monetarismus. Im Unterschied zu John Maynard Keynes, der für staatliche Ausgabenprogramme zur »antizyklischen« Konjunkturstimulierung steht und als Theoretiker des New Deal unter US-Präsident Roosevelt gilt, plädieren die Monetaristen eigentlich für eine strikte Ausgabendisziplin der öffentlichen Hand. Doch in einer großen Krise wie der jetzigen werden alle Dogmen über Bord geworfen.
Die Folgen der Geldschwemme lassen sich derzeit an den Devisenmärkten studieren: Der Greenback verliert massiv an Wert. In den letzten zwei Wochen ist sein Austauschverhältnis zum Euro von 1,25 auf 1,40 Dollar und schlechter abgestürzt.
Dollarimplosion
Die Analysten vom »Global Europe Anticipation Bulletin« (GEAB) befürchten, dass angesichts der galoppierenden US-Geldvermehrung ausländische Geschäftspartner schon bald ablehnen werden, sich mit Dollars auszahlen zu lassen, da die Greenbacks immer weniger durch reale Wertschöpfung gedeckt sind. Das wäre die Wiederholung der Dollarkrise von Anfang der siebziger Jahre, allerdings auf höherer Stufenleiter: Damals hatte Uncle Sam zur Finanzierung des Vietnamkrieges die Notenpresse so wild rotieren lassen, dass das Versprechen des jederzeitigen Umtauschs der Papierwährung in Gold völlig unglaubwürdig geworden war. Präsident Richard Nixon suspendierte also 1971 die Goldbindung, der Greenback stürzte ab. Die GEAB-Prognosen sehen »für einen Morgen im Sommer 2009 ... nach einem verlängerten Wochenende oder einem Bankfeiertag« eine ähnliche Entwicklung voraus: Die US-Regierung werde den Dollar schlagartig um 90 Prozent abwerten – und dadurch auch ihre Zahlungsverpflichtungen an ausländische Gläubiger um diesen Prozentsatz zusammenstreichen.
Auf diese Weise wäre der neue Präsident Barack Obama blitzartig fast alle Schulden seiner Vorgänger los. Umgekehrt würden sich die Guthaben, die etwa die Volksrepublik China und Japan aus Dollarbeständen und dollarnominierten Forderungen gebildet haben, in Luft auflösen. Ostasien, bisher von der Wirtschaftskrise wenig tangiert, würde in einen Abgrund gerissen, das gesamte Weltwährungssystem wäre zerschmettert. Die Folgen für die internationale Stabilität wären unabsehbar.
aus: Neues Deutschland, 22.12.2008